Clash of Civilizations durch Tourismus? Chinesische Polizisten im Ausland

06-09-2017 14:14:05

Eine Polizistenpatrouille um das Kolosseum in Rom sorgt seit vergangener Woche unter Passanten für besondere Aufmerksamkeit: Die italienischen Sicherheitsbeamten befinden sich in Begleitung chinesischer Polizisten - in ihren klassischen Uniformen mit Schriftzeichen auf dem Rücken. Über die Hintergründe, wie ein solches Novum zu verstehen ist, bloggen chinesische Internetnutzer seither in hitzigen Debatten. Auf dem Portal Sina-Video kommt Cui Hongjian vom Europa-Zentrum am Chinesischen Institut für Internationale Studien zu Wort.

„Chinesische Reisende sind in Italien oft Diebstahl, Entführungen und anderen Vergehen ausgesetzt. Daher besteht ein reeller Sicherheitsbedarf in der Verstärkung des beidseitigen Zusammenwirkens. Eine weitere Ursache ist, dass auf politischer Ebene in den vergangenen Jahren große Fortschritte zwischen China und Italien erzielt wurden. Dadurch konnte bereits ein starkes Vertrauensverhältnis geknüpft werden. Diese Kooperation findet nun auch im Sicherheits- und Justizbereich statt. Die chinesischen Polizisten in Italien bereiten so den Weg für vieles mehr.“

Clash of Civilizations durch Tourismus? Chinesische Polizisten im Ausland

Dieser Sichtweise stimmen viele chinesische Internetnutzer zu. Insbesondere Sicherheitrisiken betrachten viele als gutes Argument, die chinesische Polizei auch im Ausland vertreten zu haben. KulkinHuhai ist der Ansicht:

„Im vergangenen Jahr, insbesondere in den letzten Wochen, kam es gehäuft zu Kriminalfällen, unter denen chinesische Touristen in ganz Europa leiden mussten. Immer wieder gab es Überfälle, bei denen sie beklaut wurden oder gar körperlicher Gewalt ausgesetzt waren. In Rom ist die Lage wohl am schlimmsten, die italienische Polizei schafft das nicht allein. Es ist höchste Zeit, dass chinesische Sicherheitsbeamte dort eingesetzt werden. Das kommt allen zugute.“

Tatsächlich meldeten die diplomatischen Vertretungen Chinas im internationalen Ausland steigende Zahlen von Gewaltfällen an ihren Staatsbürgern. So nennt die Statistik für das Jahr 2015 Angriffe auf 96.000 chinesische Reisende weltweit. Luotou88 versucht, auf Weibo Ursachen für diesen steilen Anstieg zu finden:

„Man muss sich doch fragen, weshalb die Gewalt zunimmt oder weshalb gerade Chinesen durch ihre eigene Polizei auch im Ausland geschützt werden sollten. Andere Nationen machen das doch auch nicht. Ich denke, da gibt es vor allem zwei Ursachen. Die eine ist, dass viele chinesische Touristen zu den Neureichen gehören und im Urlaub mit dem Geld nur so um sich schmeißen. Natürlich lockt das Langfinger an. Hinzu kommt, dass viele Chinesen mit ihrem Verhalten im Ausland häufiger für Anstoß sorgen.“

Unangemessenes Auftreten durch chinesische Touristen wurde sowohl im In- als auch im Ausland mit steigenden Tendenzen registriert. Zwecks Gesichtswahrung startete die Regierung der Volksrepublik bereits im Jahr 2013 die Initiative zur „Erziehung zum liebenswerten Touristen“, auf die ein offizielles „Tourismusgesetz“ mit 111 Paragrafen und schließlich eine Anstandsfibel folgten. Diese enthalten neben basalen Regeln wie „nicht auf den Boden spucken“, „in Konzerten keine Nüsse knacken“ oder „in Schlangen nicht vordrängeln“ auch viele ausgefeilte Hinweise. Bloggerin KatinkaMao hält es für durchaus möglich, dass solche Fehltritte mitunter zu der chinesisch-italienischen Erneuerung von Sicherheitsvorkehrungen geführt haben könnten:

„Sind es wirklich Fragen der Sicherheit, oder müssen die chinesischen Polizisten vielmehr zwischen der fremden und der eigenen Kultur vermitteln? Es ist schon richtig, dass es beim Aufeinandertreffen der italienischen Gesellschaft mit chinesischen Besuchern zu Reibungspunkten und Missverständnissen kommen kann. Die Kulturen sind zu unterschiedlich.“

In diesem Sinne wird eine weitere Frage unter den chinesischen Netizens thematisiert: Sind wir möglicherweise an dem Punkt angekommen, den US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington in seiner umstrittenen Publikation von 1996 als „The Clash of Civilizations“ benannte? Seine Theorie, dass die Weltpolitik im 21. Jahrhundert einer grundsätzlichen Neugestaltung unterzogen werde, schlug in China bereits damals hohe Wellen. Gegenwärtig erlangt sie auf dem chinesischen Festland neue Aktualität. So bloggen viele in dem Tenor, es sei wohl an der Zeit, dass die chinesische Kultur im Westen stärker beachtet und geschützt werde. Nicht nur Rom, sondern alle Metropolen weltweit müssten zur Protektion der chinesischen Zivilisation unterstützt werden.

Text: Miriam Nicholls

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